Leitbild und Grundsätze des Situationsansatz
Leitbild des Situationsansatzes
Kinder haben von Anfang an eigene Rechte und vollziehen die für ihre Entwicklung und Entfaltung notwendigen Schritte durch eigene Aktivität. Diese Sicht bestimmt das Bild vom Kind im Situationsansatz. Erwachsene sind dafür verantwortlich, Kinder durch verlässliche Beziehungen und ein anregungsreiches Umfeld in ihrem Streben nach Weiterentwicklung zu unterstützen.
Die pädagogischen Ziele - Autonomie, Solidarität, Kompetenz - orientieren sich an den demokratischen Grundwerten und gesellschaftlichen Entwicklungen. Sie umfassen wesentliche Bereiche der Persönlichkeitsentwicklung, der Ich-, Sozial- und Sachkompetenz. Es geht darum, Kinder mit ihren Entwicklungsbedürfnissen in ihren Situationen zu verstehen und die Fähigkeiten der Kinder zu fördern, mit sich selbst, mit anderen und mit einer Sache gut zurecht zu kommen. Durch Anerkennung ihrer unterschiedlichen Vorerfahrungen und Ausdrucksweisen ermutigen Erzieherinnen die Kinder, sich an gesellschaftlichen Prozessen gestaltend zu beteiligen. Eigensinn und Gemeinsinn gehören zusammen.
Autonomie, Solidarität und Kompetenz bestimmen auch das professionelle Handeln der Erzieherinnen. Ihre Erfahrungen werden aufgegriffen und durch weitere Perspektiven zur Entwicklung von Kindern unterstützt und orientiert. Der Situationsansatz strebt dabei eine enge Erziehungspartnerschaft mit Eltern an.
Der Situationsansatz in Kindertageseinrichtungen zielt auf die Erziehung, Bildung und Betreuung von Kindern als gesellschaftlicher Aufgabe. Seine Grundsätze tragen dem Grundverständnis des SGBVIII/KJHG Rechnung, dass die Kindertageseinrichtungen ein den Lebens¬welten der Kinder und Familien entsprechendes qualitativ und quantitativ bedarfsgerechtes Angebot darstellen. Sie tragen der Vielfalt der Lebensformen Rechnung und entwickeln darauf bezogen spezifische Profile. Erziehung, Bildung und Betreuung sind aufeinander bezogen.
Konzeptionelle Grundsätze des Situationsansatzes
1. Die pädagogische Arbeit geht aus von den sozialen und kulturellen Lebens-situationen der Kinder und ihrer Familien.
Die Erfahrungen, die Kinder in ihren Familien, im
alltäglichen Zusammenleben in der Kindertageseinrichtung und in weiteren gesellschaftlichen Bereichen machen, und ihre Erlebnisse werden wahrgenommen und analysiert. Dabei geht es sowohl um
Situationen, mit denen sich die Kinder selbst aktuell auseinandersetzen, als auch um solche, die für ihr Aufwachsen in der Gesellschaft unerlässlich sind und deshalb von Erwachsenen thematisiert
werden. Die Bedürfnisse und Interessen der Kinder, ihre Erfahrungen und Sinndeutungen, ihre Fragen und Antworten stehen dabei im Mittelpunkt.
2. Erzieherinnen finden im kontinuierlichen Diskurs mit Kindern, Eltern und anderen Erwachsenen heraus, was Schlüsselsituationen im Leben der Kinder sind.
Die für Kinder in
Gegenwart und Zukunft bedeutsamen Lebenssituationen werden von Erzieherinnen im Team, gemeinsam mit Eltern und anderen Erwachsenen erörtert. Erzieherinnen berücksichtigen dabei das, was die Kinder
selbst über ihre Situation auf vielfältige Weise ausdrücken. Aus den in Frage kommenden Lebenssituationen wählen sie jene aus, die im Sinne von Schlüsselsituationen Kindern die Möglichkeit eröffnen,
auf exemplarische Weise Situationen zu verstehen, mitzugestalten, zu verändern und dabei für ihre Entwicklung wichtige Kenntnisse, Fähigkeiten und Fertigkeiten zu erwerben.
3. Erzieherinnen analysieren, was Kinder können und wissen und was sie erfahren wollen. Sie eröffnen ihnen Zugänge zu Wissen und Erfahrungen in realen
Lebenssituationen.
Erzieherinnen gestalten eine anregungsreiche Lernkultur, die Neugier und Interesse, Entdeckerlust und Experimentierfreude der Kinder wach hält und vielseitige
Wahrnehmungs- und Ausdrucksmöglichkeiten fördert. Sie beobachten die Kinder und erkunden, was sie bewegt. Die pädagogische Arbeit eröffnet Lernmöglichkeiten innerhalb und außerhalb der
Kindertageseinrichtung und erschließt neue Lernorte.
4. Erzieherinnen unterstützen Mädchen und Jungen in ihrer geschlechtsspezifischen Identitätsentwicklung und wenden sich gegen stereotype Rollenzuwei-sungen und
-übernahmen.
Unterschiede zwischen Mädchen und Jungen/Frauen und Männern werden beachtet und respektiert. Stereotypen Rollenzuweisungen und -übernahmen wird kritisch entgegen getreten.
Die Erzieherinnen überprüfen ihr eigenes geschlechtsspezifisches Verhalten und ihre Haltungen gegenüber Jungen und Mädchen. Sie suchen nach Möglichkeiten, geschlechtsspezifische
Identifikationsmöglichkeiten zu erweitern.
5. Erzieherinnen unterstützen Kinder, ihre Phantasie und ihre schöpferischen Kräfte im Spiel zu entfalten und sich die Welt in der ihrer Entwicklung gemäßen Weise
anzueignen.
Erzieherinnen schaffen Voraussetzungen, damit Kinder sich im Spiel kreativ und phantasievoll mit ihrer Lebenswirklichkeit auseinandersetzen können. Sie nutzen die
aufmerksame Beobachtung des Spiels als Möglichkeit, etwas darüber zu erfahren, wie Kinder die Welt interpretieren und was sie bewegt.
6. Erzieherinnen ermöglichen, dass jüngere und ältere Kinder im gemeinsamen Tun ihre vielseitigen Erfahrungen und Kompetenzen aufeinander beziehen und sich dadurch in ihrer Entwicklung
gegenseitig stützen können.
Die Kinder bringen unterschiedliche Erfahrungen und Tätigkeitsanreize in die Gruppe ein und lernen so auch ohne Zutun der Erwachsenen mit- und voneinander.
Die Erzieherinnen schaffen Voraussetzungen, damit diese Möglichkeiten zur Wirkung kommen. Die spezifischen Bedürfnisse und Entwicklungsaufgaben der jüngeren und älteren Kinder werden erkannt und
gezielt berücksichtigt. Gleichzeitig werden Bedingungen geschaffen, die den Kindern die Chance bieten, ihre Beziehungen zu Gleichaltrigen zu gestalten.
7. Erzieherinnen unterstützen Kinder in ihrer Selbständigkeitsentwicklung, indem sie ihnen ermöglichen, das Leben in der Kindertageseinrichtung aktiv mit zu
gestalten
Selbständigkeit und demokratisches Miteinander, das heißt wechselseitige Achtung und Anerkennung, setzen ausreichende Partizipation im Alltag voraus. An allem, was die Kinder
betrifft, werden sie deshalb ihren Möglichkeiten entsprechend beteiligt. Erzieherinnen schaffen Voraussetzungen, damit sich Beteiligung entwickeln kann. Es wird in erster Linie mit den Kindern
geplant. Was sie selbst tun können, wird ihnen zugetraut und zugemutet.
8. Im täglichen Zusammenleben findet eine bewusste Auseinandersetzung mit Werten und Normen statt. Regeln werden gemeinsam mit Kindern vereinbart.
Kinder erfahren in
konkreten Lebenssituationen, was im Zusammenleben wichtig ist und warum das so ist. Die Auseinandersetzung mit Werten und der Umgang mit Konflikten haben im Alltag der Kindertageseinrichtung einen
hohen Stellenwert. Kinder können die Sinnhaftigkeit und Gültigkeit von Regeln und Normen in konkreten Situationen erfahren und überprüfen. Sie erleben, dass Regeln gemacht und deshalb veränderbar
sind.
9. Die Arbeit in der Kindertageseinrichtung orientiert sich an Anforderungen und Chancen einer Gesellschaft, die durch verschiedene Kulturen geprägt ist.
Erzieherinnen
erkennen und nutzen die besonderen Bildungschancen, die das Zusammenleben von Kindern verschiedener kultureller Herkunft bietet, und fördern die interkulturelle Begegnung. Sie treten aktiv gegen
Diskriminierung und Vorurteilsbildung ein und schaffen in der Kindertageseinrichtung eine Kultur des wechselseitigen Respekts und entwickeln Zivilcourage. Die pädagogische Arbeit berücksichtigt, dass
die heranwachsende Generation in höherem Maße als bisher in anderen Kulturen als ihrer Herkunftskultur leben und arbeiten wird.
10. Die Kindertageseinrichtung integriert Kinder mit Behinderungen, unterschiedlichen Entwicklungsvoraussetzungen und Förderbedarf und wendet sich gegen Ausgrenzung.
Das
Zusammenleben von Kindern unterschiedlicher Entwicklungs- und Leistungsvoraussetzungen und individueller Eigenarten bietet eine Vielfalt sozialer Erfahrungsmöglichkeiten, die als Bereicherung
wahrgenommen und zum Tragen gebracht werden. Die Kindertageseinrichtung reagiert gezielt auf diese Unterschiede und gewährleistet Förderung für Kinder mit Behinderungen auch durch den Einsatz von
dafür qualifiziertem Personal. Sie fördert den Kontakt und das Verständnis der Kinder untereinander und bietet besondere Hilfen zur Bewältigung und zum Ausgleich erfahrener Beeinträchtigungen und
Benachteiligungen.
11. Räume und ihre Gestaltung stimulieren das eigenaktive und kreative Tun der Kinder in einem anregungsreichen Milieu.
Die Kinder sind in die Gestaltung der Räume
einbezogen, sie hinterlassen ihre Spuren. Die Gestaltung des Innen- und Außenraumes lässt sowohl gemeinsame wie individuelle Tätigkeiten der Kinder zu und bietet ausreichend Raum für Bewegung und
Rückzug. Räume und Material stimulieren das eigenaktive Ausprobieren, Erkunden, Erforschen und kreative Tätigsein der jüngeren wie der älteren Kinder. Die Raumgestaltung und Materialausstattung wird
im gemeinsamen Prozess aller Beteiligten unter Beachtung pädagogischer, ökologischer und wirtschaftlicher Gesichtspunkte realisiert.
12. Erzieherinnen sind Lehrende und Lernende zugleich.
Erzieherinnen reflektieren ihre Alltagserfahrungen im Kontext gesellschaftlicher Entwicklungen. Sie prüfen ihr
Verständnis von kindlicher Entwicklung und Erziehung und eignen sich neue Erkenntnisse und Erfahrungen an, die sie für eine entwicklungsangemessene und individuelle Förderung der Kinder nutzen. Sie
beziehen außenstehende Expertinnen und Experten ein, von denen Kinder wie Erwachsene Neues lernen können, und die damit zur Unterstützung und Entlastung beitragen können. Erzieherinnen lernen von den
Kindern, von ihrer Sicht der Dinge, ihrer eigensinnigen Art, sich die Welt zu erschließen. Sie ermöglichen Lernprozesse und haben selbst daran teil.
13. Eltern und Erzieherinnen sind Partner in der Betreuung, Bildung und Erziehung der Kinder.
Die Erfahrungen von Eltern und das pädagogische Fachwissen der Erzieherinnen
werden miteinander verbunden. Eltern sind an Entscheidungen in wesentlichen Angelegenheiten der Kindertageseinrichtung beteiligt. Erzieherinnen machen ihre Arbeit transparent und sind offen für
Ansprüche und Anregungen von Eltern. Sie fördern die Mitwirkung von Eltern, ermutigen sie zu Vorschlägen und Kritik und suchen gemeinsam mit ihnen nach Möglichkeiten für Veränderungen.
14. Die Kindertageseinrichtung entwickelt enge Beziehungen zum sozial-räumlichen Umfeld.
Die Kindertageseinrichtung versteht sich als aktiver Teil der sozialen Infrastruktur des
Gemeinwesens. Sie sucht den Kontakt zu anderen pädagogischen und sozialen Einrichtungen, zu Vereinen, Orten und Personen des kulturellen und wirtschaftlichen Lebens, und vernetzt sich mit ihnen. Sie
ist ein Zentrum nachbarschaftlicher Kontakte und Begegnungen. Sie wirkt in die örtliche Politik und beteiligt sich an der Stadt- und Jugendhilfeplanung im Gemeinwesen.
Öffnung nach außen verstehen Erzieherinnen als Verpflichtung, das Gemeinwesen als Lernort zu nutzen und mit Kindern aktiv an der Gestaltung des Gemeinwesens mitzuwirken. Sie stellen eine lokale
Öffentlichkeit für die Belange von Kindern her.
15. Die pädagogische Arbeit beruht auf Situationsanalysen und folgt einer prozesshaften Planung. Sie wird fortlaufend dokumentiert.
Die Planung pädagogischer
Praxis wird gemeinsam mit Kindern, Eltern und anderen Erwachsenen entwickelt und ist flexibel. Sie umfasst unterschiedlich weite Zeiträume, lässt Raum für die Spontaneität der Kinder, für
individuelle Entwicklungstempi und Leistungsvoraussetzungen, aber auch für unvorhergesehene Einflüsse von außen. Sie beinhaltet differenzierte Tätigkeiten für einzelne Kinder, Kleingruppen und für
Kinder mit besonderen Bedürfnissen.
Durchgängige Prinzipien geplanter pädagogischer Prozesse sind:
Erkunden = Situationen analysieren und Schlüsselsituationen auswählen
Entscheiden = Ziele vor dem Hintergrund des Leitbildes und der Situationsanalyse formulieren
Handeln = ausgewählte Schlüsselsituationen bearbeiten und gestalten
Nachdenken = Erfahrungen auswerten, fortlaufend dokumentieren und weitere Schritte festlegen
16. Die Kindertageseinrichtung ist eine lernende Organisation.
Die internen Organisationsstrukturen der Kindertageseinrichtung ermöglichen die Umsetzung der
Grundorientierung, der konzeptionellen Ziele und der pädagogischen Aufgaben. Erzieherinnen verstehen sich als Mitglied eines Teams, in dem jede spezifische Aufgaben übernimmt und sich
mitverantwortlich fühlt für das Ganze. Es gibt Raum und Zeit, um die institutionellen und organisatorischen Gegebenheiten selbst zum Gegenstand von Reflexion und Veränderung zu machen. Erzieherinnen
entwickeln unter Beteiligung von Eltern Strategien zur weiteren Profilierung der Kindertageseinrichtung und reagieren auf veränderten Bedarf mit erweiterten und flexiblen Angeboten. Veränderungen
werden als Chance gesehen.
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